28.12.2024
50 Jahre NürnbergMesse
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„Wir sind sehr zuversichtlich, dass wir weiter wachsen werden“

CEO Peter Ottmann und Aufsichtsratsvorsitzender Marcus König sprechen im Interview über die Rolle des Unternehmens im weltweiten Geschäft und in ihrer Heimatstadt Nürnberg sowie die Zukunftsperspektiven.


Die NürnbergMesse wird 50 Jahre alt - das ist die Gelegenheit, die Vergangenheit Revue passieren zu lassen. Aber auch, um in Richtung Zukunft zu blicken. Was wurde erreicht, wie geht es weiter? Darüber sprachen wir mit Messe-CEO Peter Ottmann und Nürnbergs Oberbürgermeister Marcus König (CSU), der im Jubiläumsjahr Vorsitzender des Messe-Aufsichtsrates ist.


Thomas Gerlach

Herr Ottmann, Herr König, wenn man die künstliche Intelligenz  ChatGPT  fragt, wodurch sich die NürnbergMesse auszeichnet, dann umfasst die Antwort die folgenden Punkte: Internationalität, moderne Infrastruktur und Nachhaltigkeit. Sehen Sie das auch so, oder wäre Ihre Antwort auf die Frage eine andere?

Marcus König

Die NürnbergMesse ist für unsere Stadt vor allem Wirtschaftsmotor und Botschafter. Durch ihre Veranstaltungen bringt sie Menschen aus aller Welt nach Nürnberg und sorgt damit dafür, dass Nürnberg in vielen Bereichen davon profitiert. Wenn sich die Besucher in Nürnberg wohlfühlen, werden sie selbst zu Botschaftern für unsere Stadt, die in ihrer Heimat von Nürnberg erzählen und damit zum Tourismus und zum wirtschaftlichen Austausch in Nürnberg beitragen.

Peter Ottmann

Für mich sind es zukunftsfähige Produkte, herausragende Kolleginnen und Kollegen, größtenteils langjährige Kundenbeziehungen, im besten Sinne gute Gesellschafter und ja, hohe Internationalität, ein modernes Messegelände und ein hoher Stellenwert des Themas Nachhaltigkeit. 

Thomas Gerlach

50 Jahre sind ein Anlass, nicht nur zurückzuschauen, sondern auch Richtung Zukunft. Was sehen Sie, wenn Sie in diese Richtung blicken?

Peter Ottmann

Die NürnbergMesse hat die besten Zeiten noch vor sich. Noch vor drei Jahren war das keineswegs klar. Heute sind wir sehr zuversichtlich, dass wir in Nürnberg, Europa und der Welt weiter wachsen werden, weil sich unser Geschäftsmodell insbesondere nach der Pandemie als absolut zukunftsfähig herausgestellt hat.

Marcus König

Die NürnbergMesse hat mit der Corona-Pandemie die schwierigste Phase ihrer 50-jährigen Unternehmensgeschichte gut gemeistert. Heute boomt das Messegeschäft wie zuvor. Ich bin fest davon überzeugt, dass die NürnbergMesse stärker aus dieser Zeit hervorgegangen ist, die richtigen Weichen für die Zukunft stellt und wichtige Faktoren für den Erfolg – wie Nachhaltigkeit und die Digitalisierung – entschlossen vorantreibt.

Thomas Gerlach

Die NürnbergMesse steht nicht zuletzt deshalb heute so gut da, weil die mutige Entscheidung getroffen wurde, sich zu "globalisieren”. Die Messe hat heute außer Nürnberg weltweit noch sieben weitere Standorte. Wie schätzen Sie dieses Thema ein? Und wo geht es in Zukunft hin? Gibt es weitere Expansionspläne?

Peter Ottmann

Immer. Die Ziele müssen halt passen: ob einzelne Messen, ganze Messegesellschaften oder auch andere Unternehmen, in die wir investieren. Neben Käufen wachsen wir natürlich auch mit eigenen neuen Projekten weiter. So planen wir in den USA, Mexiko, Brasilien, Indien und China im nächsten Jahr weitere Messen. Mit der „Aufzug-Messe“ interlift aus Augsburg kommt eine weitere Weltleitmesse nach Nürnberg.

Marcus König

Natürlich müssen wir als Gesellschafter der NürnbergMesse insbesondere bei den Schritten im Ausland genau hinschauen, was dabei für den Heimatstandort abfällt. Kritisch waren meine Vorgänger im Aufsichtsrat als die NürnbergMesse 2007 den ersten Schritt nach China machte und dann Indien, USA und weitere folgten. Heute ist die Bedeutung unseres internationalen Geschäfts klar. Das jüngste Beispiel dieser Expansion, die Tochtergesellschaft in Griechenland, die heute eine der erfolgreichsten ist, zeigt, dass die Führung der NürnbergMesse überlegt und verantwortungsvoll bei ihren Schritten ins Ausland vorgeht – und dass am Ende auch die Heimatbasis in Nürnberg profitiert.

Thomas Gerlach

Wir sprechen aktuell in Griechenland anlässlich eines Besuchs bei der „Forum SA”, der griechischen „Tochtergesellschaft” der NürnbergMesse. Dieser Standort gehört seit fünf Jahren zum Unternehmen – und am Anfang stand eine schwierige Entscheidung… Inwiefern war diese Entscheidung die richtige?

Marcus König

Die Expansion nach Griechenland – ein Jahrzehnt nach der Finanzkrise – war durchaus überraschend, aber im Nachhinein ein echter Glücksgriff! Die NürnbergMesse hat sich mit dem Marktführer in Griechenland echte Messeprofis dazu geholt, welche die Unternehmensgruppe mit ihrer Expertise und ihrem Netzwerk bereichern.

Peter Ottmann

Wir unterscheiden weltweit rote und blaue Messemärkte. In roten Messemärkten tummeln sich praktisch alle, der Markt ist heiß umkämpft. Beispiele hier sind Deutschland, Italien, USA, China, insbesondere Shanghai, Dubai, verstärkt auch Saudi-Arabien. Blaue Messemärkte sind z.B. Brasilien und insbesondere Griechenland. Natürlich ist Griechenland als Messeland eher klein. Wenn Sie aber in einem kleinen Land einen Marktanteil von fast 40 Prozent haben, dann haben sie ein gutes Leben. Forum hat je nach Messejahr einen Marktanteil von 30 bis 40 Prozent, entsprechend viel Freude macht die Tochter, die übrigens in den Pandemiejahren in jedem Jahr Gewinn abgeliefert hat.

Thomas Gerlach

Jetzt haben wir über die „weite Welt” gesprochen. „Expansionspläne” hat die Messe auch in ihrer Heimatstadt. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und auch die Nürnberger Stadtregierung haben sich im Frühjahr für ein Kongresszentrum im alten Kaufhof-Gebäude in der Innenstadt stark gemacht. Dieses Kongresszentrum könnte von der NürnbergMesse betrieben werden. Wie ist Ihre Meinung dazu? 

Marcus König

Nürnberg und ihre Messe noch weiter zu verzahnen, davon würde die gesamte Stadt profitieren. Schon jetzt lieben unsere Kongress- und Messegäste den historischen Rahmen und das gastronomische Angebot in Nürnberg. Wenn in Zukunft Kongresse nicht nur nahe zur Innenstadt, sondern in der Altstadt stattfinden könnten, wäre das ein weiterer Anziehungsfaktor für Kongresse und Messen in Nürnberg und würde die Veranstaltungsdestination Nürnberg deutlich stärken.

Peter Ottmann

Seit rund 15 Jahren wünschen wir uns ein Convention Center außerhalb unseres Kerngeländes, gerne im historischen Kern, das würden unsere Kunden lieben. Es gibt in Nürnberg eine riesige Angebotslücke in der Kategorie 500 bis 1.000 Kongressteilnehmer mit einer begleitenden Ausstellungsfläche von 3.000 bis 5.000 Quadratmetern.

Thomas Gerlach

Herr Ottmann, Sie sind gerade für weitere fünf Jahre als CEO der NürnbergMesse im Amt bestätigt worden. Was sind die wichtigsten Aufgaben für diese Zeit?

Peter Ottmann

Wir haben uns auf strategischer Ebene für die gesamte NürnbergMesse Group drei maßgebliche Ziele gesetzt: Empower im Sinne von befähigen. Das nimmt insbesondere unsere Mitarbeitenden in den Blick. Transform, also transformieren oder entwickeln, dabei geht es im Kern um unsere Produkte, um die begleitende digitale Transformation und um unsere Strukturen. Last but not least Contribute, also beitragen, was wiederum stark, aber nicht ausschließlich, auf die Ergebnisebene der NürnbergMesse Group abzielt. Diesen drei Zielen haben sich alle Führungskräfte verschrieben. Und wenn ich auf die Ergebnisse 2024 blicke, bin ich sehr stolz auf die Kolleginnen und Kollegen, denn sie haben die in sie gesetzten Erwartungen einmal mehr übertroffen.


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Thomas Gerlach

Herr König, im Januar geben Sie turnusgemäß Ihr Amt als Aufsichtsratsvorsitzender ab. Was waren in der Rückschau die bedeutendsten Meilensteine ihrer Amtszeit?

Marcus König

In den vergangenen drei Jahren durfte ich den rasanten Messe-Restart nach der Corona-Pandemie miterleben. Während 2022 noch von Messeabsagen und -verschiebungen geprägt war, war doch merklich zu spüren, wie sich die Branchen wieder auf Messen präsentieren und austauschen wollten. Diese Wiedersehensfreude konnte selbst durch Krieg und Energiekrise 2023 kaum gebremst werden. Trotz der Unsicherheiten weltweit sind Messen auch 2024 Orte für den friedlichen Austausch zwischen den Nationen. Den Höhepunkt in einem starken Nürnberger Messejahr 2024 bildete die Geburtstagsfeier zum 50. in diesem Jahr. Mich hat sehr gefreut, dass die Feierstunde in unserer guten Stube, dem Historischen Rathaussaal stattfand. Das zeigt die Verbundenheit unserer Messe mit unserer Stadt.

Thomas Gerlach

Herr Ottmann, Herr König, die NürnbergMesse hat sich im Frühjahr an der Kampagne „27% von uns” beteiligt. Hier ging es darum, den Fokus auf Menschen mit Migrationshintergrund zu legen. Die Kampagne sollte zeigen, dass diese Menschen – ungefähr 27% von uns – untrennbar zu Deutschland gehören. Wie wichtig ist Ihnen beiden diese Botschaft, und wie “international” ist die Mitarbeiterschaft der Messe selbst?

Marcus König

Messe braucht Internationalität – genauso wie Nürnberg sie braucht. Bereits im Mittelalter war Nürnberg ein bedeutendes Handelszentrum, weil hier die Innovationen und die cleversten Köpfe aus aller Welt zusammenkamen. Heute übernehmen internationale Fachmessen diese Rolle.

Peter Ottmann

Nürnberg ist einer der internationalsten Messeplätze der Welt. Jährlich beteiligen sich Menschen aus rund 180 Ländern an unseren Veranstaltungen. In der NürnbergMesse Group mit ihren rund 1.200 Mitarbeitenden an 16 Standorten in acht Ländern arbeiten Menschen aus rund 50 Ländern. Das zeigt sehr eindrucksvoll, welche Rolle Internationalität bei uns und für unser Geschäftsmodell spielt.

Thomas Gerlach

Wie schafft es die NürnbergMesse so erfolgreich, in Zeiten des Fachkräftemangels eine attraktive Arbeitgebermarke zu schaffen?

Peter Ottmann

Wir legen großen Wert darauf, unseren Mitarbeitenden ein wertebasiertes und interessantes Arbeitsumfeld zu bieten. Und wir sorgen intensiv für unseren eigenen Nachwuchs. Jeder zehnte Mitarbeitende in der GmbH ist ein Auszubildender, ein Dualer Student oder ein Trainee direkt aus dem Studium. Vor dem Hintergrund von zwei Dritteln weiblicher Beschäftigter haben wir das Frauenförderprogramm Jump aufgelegt, das aktuell in der vierten Runde läuft und seine Wirkung insbesondere bei der steigenden Zahl weiblicher Führungskräfte zeigt. Aktuell investieren wir rund 40 Mio. Euro in einen modernen Bürostandort, der in Anlehnung an unser Gründungsjahr NXT 74 heißt. Darin liegt auch der Anspruch, dass wir weiterhin ein attraktiver und moderner Arbeitgeber bleiben wollen.

Thomas Gerlach

Herr Ottmann, seit etwas mehr als einem Jahr sind Sie Mitglied im Vorstand des Messe-Weltverbandes UFI. Was erleben Sie dort und welche Stimme hat Nürnberg auf dieser internationalen Bühne?

Peter Ottmann

Weltweit gibt es etwa 1.700 Messegesellschaften. Gut 900 sind bei UFI Mitglied. Ich bin eines von rund 60 Vorstandsmitgliedern, die eine Vorstandsfunktion innehaben. Meine Kolleginnen und Kollegen im Vorstand vertreten häufig börsennotierte oder private equitiy finanzierte Gesellschaften mit ganz anderen Renditeerwartungen. Das Gremium ist hoch international und so ist es immer ausgesprochen spannend, welche Perspektiven aus anderen Regionen eingenommen werden. Tatsächlich wichtiger ist mir allerdings meine Funktion im deutschen Ausstellungs- und Messe-Ausschuss der deutschen Wirtschaft (AUMA); hier bin ich der erste Vizepräsident, der Präsident kommt immer aus der Industrie. Der AUMA ist einzigartig, weil er die ausstellende, besuchende und veranstaltende Industrie in sich vereinigt. Hier gibt es einen intensiven Austausch mit unseren Kunden. Bei UFI gibt es einen intensiven Austausch mit Kollegen. Beides ist auf seine Art jeweils sehr wertvoll.


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Thomas Gerlach

Nachhaltigkeit ist auch für die NürnbergMesse ein großes Thema. Die NürnbergMesse hat sich hier ehrgeizige Ziele gesetzt, wie etwa eine CO₂-neutrale Energieerzeugung bis 2028. Wie möchten Sie diese Ziele konkret erreichen?

Peter Ottmann

Dafür haben wir ein intensives Programm aufgelegt, das die Energieversorgung z.B. mittels Fernwärme, die eigene Energieerzeugung z.B. mittels PV, Batteriespeichern, Elektroheizkesseln und in Zukunft wahrscheinlich auch Industrie-Wärmepumpen und den Energieverbrauch in den Blick nimmt. Denn jedes Kilowatt Energie, dass wir nicht verbrauchen, müssen wir nicht CO2-neutral herstellen. So haben wir z.B. 19 Kilometer Leuchtstoffröhren in den Messehallen gegen LED Beleuchtung ausgetauscht. Eine Maßnahme, die sich in drei Jahren amortisiert und dazu beiträgt, dass wir unseren Energieverbrauch um 20 % reduzieren konnten.

Thomas Gerlach

Herr König, wie unterstützt die Stadt Nürnberg die Nachhaltigkeitsziele der NürnbergMesse, beispielsweise bei der Energieversorgung oder Infrastruktur?

Marcus König

Die Stadt Nürnberg und ihre Töchter, wie die NürnbergMesse, haben sich den 17 Sustainable Development Goals (SDG) und der „Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“ verpflichtet. Dabei gehen wir Seite an Seite und unterstützen uns gegenseitig. Die Photovoltaikanlage der NürnbergMesse ist hier ein Vorzeigeprojekt, nicht nur in der Stadt, sondern in ganz Bayern. Als Stadt Nürnberg sehen wir die große Bedeutung von Nachhaltigkeit.

Thomas Gerlach

Welche neuen Technologien und Trends beeinflussen die Organisation und Durchführung von Messen, und wie bereitet sich die NürnbergMesse darauf vor?

Peter Ottmann

Wir veranstalten weltweit rund 100 Messen für knapp 70 Branchen. Gemeinsam sind allen Branchen die Themen Nachhaltigkeit, Cybersicherheit, Fachkräftemangel und Innovation. Deshalb ist das Thema Nachhaltigkeit nicht nur für uns als Unternehmen ein zentrales Thema, es bildet sich praktisch auch auf allen unseren Messen ab. Für Cybersicherheit haben wir mit der it-sa sogar die größte Messe weltweit im Programm. Gegen das Thema Fachkräftemangel setzen wir bei immer mehr Messen z.B. auf sogenannte Student Days, das Thema Innovation decken wir mit Gemeinschaftsständen für Startups und junge innovative Unternehmen ab, häufig gefördert vom Bund.

Thomas Gerlach

Die NürnbergMesse zeichnet sich heute bereits durch ihre sehr gute Verkehrsanbindung aus. Im Zuge des neuen Stadtteils „Lichtenreuth”, der gerade in der Nachbarschaft entsteht, ist der Bau einer Magnetschwebebahn im Gespräch. Diese Bahn könnte auch an der NürnbergMesse halten. Wie ist hier der aktuelle Stand und wie stehen Sie zu dem Konzept?

Marcus König

Die NürnbergMesse ist ein großer Schaukasten für Innovationen aus aller Welt. Um dies zu erleben reisen Menschen nach Nürnberg und begeben sich in die Messehallen. Warum präsentieren wir Innovationen nicht auch vor den Messehallen? Mit der Magnetschwebebahn am Messegelände könnten wir Messegästen – und auch den Nürnbergerinnen und Nürnbergern – die Möglichkeit bieten, Hightech aus Bayern in Kombination mit einer modernen Stadtplanung live zu erleben.

Thomas Gerlach

Herr Ottmann, Herr König, haben Sie eigentlich eine ganz persönliche „Lieblingsmesse” in Nürnberg, und wenn ja warum?

Peter Ottmann

Immer die nächste! Die schöne Erfahrung dabei: Zu uns kommen nur die, die an die Zukunft glauben. Messen werden so zu Treibhäusern für Optimismus. Dafür arbeiten zu dürfen, ist ein großes Privileg.

Marcus König

Die Vielfalt macht's! Unsere Messen in Nürnberg bieten ein breites Branchenspektrum ab. Da möchte ich keine missen!