Die Nürnberger Messe- und Ausstellungsgesellschaft (NMA) ist 1974 ein Startup mit modernen Ausstellungshallen, in denen wenige große Gastveranstaltungen stattfinden. Doch Eigenveranstaltungen – Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg und Auslastung des Messezentrums – fehlen. In den Anfangsjahren liegen erfolgreiche Akquisen und vergebliche Hoffnungen nah beieinander. Auf den Neuling hat in der Messewelt niemand gewartet – die Rückkehr zur Verwaltungs- und Vermietungsgesellschaft steht zur Debatte.
Durchbruch in den 1980ern
Doch der Durchhaltewille des Messe-Teams zahlt sich aus. Ein Ausrufezeichen dafür: 1975 wird die IWA Internationale Fachmesse für Jagd- und Sportwaffen und Zubehör in Nürnberg abgehalten – veranstaltet von der NMA. Die zur Fachmesse weiterentwickelte Verbandsausstellung wird später die erste internationale Leitmesse im Eigenveranstaltungsportfolio der NürnbergMesse. Bis heute ist die IWA Outdoor Classics eine zentrale Veranstaltung in Nürnberg. Mit Hartnäckigkeit etabliert sich Nürnberg auf der Messelandkarte. Die Strategie liegt darin, den Markt zu beobachten und zu identifizieren, ob sich im Zuge technologischen Fortschritts Branchenentwicklungen ergeben, die für Fachmessen infrage kommen. Oder ob Dachorganisationen bereit sind, mit etablierten Messen umzuziehen. Der Durchbruch gelingt in den 1980er-Jahren mit Messen wie BrauBeviale, Stone+tec und Fachpack. Der Wegfall der innerdeutschen Grenze sorgt dafür, dass Nürnberg wirtschaftsgeografisch in eine zentrale Lage rückt und sich das Einzugsgebiet auf den mittel- und osteuropäischen Wirtschaftsraum ausweitet.
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- Bildergalerie - vom Vermieter zum Veranstalter
Gamechanger Kongresse und Servicepartner
Von größter Bedeutung für das Wachstum ist die Einrichtung von Tagungsräumlichkeiten. Sie sind entscheidend für das Gewinnen und Neuentwickeln von Fachmessen, die oft in Kombination mit Kongressen veranstaltet werden. Branchenleitmessen wie BrauBeviale, IKK (heute Chillventa), Powtech, GaLaBau oder Stone+tec wären ohne wohl nie möglich gewesen. Nürnbergs Bedeutung als Kongressstadt wächst bis heute auch dank der NürnbergConvention.
Als wichtiger Baustein für Angebote und Dienstleistungen gelten die Servicepartner. Die Gewerke, an denen die NürnbergMesse teilweise direkt beteiligt ist, reichen von Bewachungs- oder Kontrolldiensten über Gebäudereinigung und Abfallentsorgung bis hin zum Standbau und damit verbundenen Handwerken wie Elektro- oder Sanitärarbeiten. Catering und Gastronomie sorgen für die Abrundung des Messeerlebnisses.
Freistaat beteiligt sich
Das Image als „Messe-Nobody“ wird man zwischen 1986 und 1991 los mit Veranstaltungen wie der damals schon als Weltleitmesse für die Heimtierbranche geltenden Interzoo. Ausdruck des unternehmerischen Erstarkens ist in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre ein neuer Markenauftritt unter neuem Namen: NürnbergMesse. Zentraler Schritt für das Vorankommen des Messeplatzes ist eine neue Beteiligungsstruktur. Mit dem Gesellschaftsvertrag von 1990 werden Stadt Nürnberg und Freistaat Bayern mit jeweils 49,9 Prozent der Anteile gleichberechtigte Hauptgesellschafter der NürnbergMesse GmbH. Mit je 0,1 Prozent beteiligen sich die Industrie- und Handelskammer Nürnberg und die Handwerkskammer für Mittelfranken an der Messegesellschaft und bringen wirtschaftliches Know-how ein.
„Wie bei der Biofach“
In den 1990ern entwickelt sich ein neues Format zum Exportschlager: die Biofach. Als kleine Messe mit 200 Ausstellern 1990 erstmals in Ludwigshafen durchgeführt, wächst sie am späteren Standort Frankfurt kontinuierlich. In Nürnberg feiert sie im Jahr 1999 mit 1.257 Ausstellern und 15.384 Fachbesuchern Premiere. 2001 übernimmt die NürnbergMesse die Veranstaltung, ihr weiterer Aufstieg zur Weltleitmesse einer boomenden Biobranche ist rasant. Mit ihr erlebt das Nürnberger Modell – die Entwicklung aus der Nische zur Großveranstaltung mit Messe und Kongressen – seine Bestätigung. Ab Mitte der 2000er-Jahre veranstaltet die NürnbergMesse die Biofach auch auf anderen Kontinenten. Zum geflügelten Wort erfolgreicher Nürnberger Entwicklungsstrategie wird: Wir müssen es machen „wie bei der Biofach“.
Expansion auf internationaler Ebene
Nachdem ab den 1980er-Jahren eher beiläufig Auslandsvertretungen aufgebaut wurden, ändert sich 1997 die Strategie: Nun soll international mehr akquiriert werden. Das Vorhaben stößt bei den Gesellschaftern auf Skepsis, wie der ehemalige Bayerische Ministerpräsident und damaliges Aufsichtsratsmitglied der NürnbergMesse, Dr. Günther Beckstein, sich erinnert: „Was hat eine Stadt Nürnberg im Ausland zu suchen, dort enorme Risiken einzugehen? Das hat mir gewaltige Bauchschmerzen gemacht.“ Trotzdem unterstützen die Gesellschafter das Vorhaben – laut dem späteren Oberbürgermeister Nürnbergs und Aufsichtsratsmitglied, Dr. Ulrich Maly, „weil eine Messe, die nur den Standort daheim hat, nie den Anspruch hat, unter den Top-Messen Europas oder auch weltweit zu sein“.Ein zentraler Schritt der Internationalisierung ist 1999 die Gründung der Nürnberg Global Fairs GmbH, zuständig für die Durchführung von Messen und Gemeinschaftsbeteiligungen im Ausland. In den 2000er-Jahren beginnt mit der Gründung und Akquise von Auslandstochtergesellschaften und Niederlassungen die nächste Phase der Internationalisierung – zuerst 2006 in China, dann folgen die USA, Brasilien, Italien, Indien, Österreich und zuletzt 2019 Griechenland.
Spielwarenmesse und Messezentrum wachsen gemeinsam
Bis weit in die 2000er-Jahre ist die räumliche Entwicklung des Messezentrums Nürnberg vom stetig wachsenden Platzbedarf der Spielwarenmesse geprägt. Auch dank der finanziellen Beteiligung der Spielwarenmesse eG wird es laufend um neue Hallen erweitert, unter anderem 1983 durch die Frankenhalle, die bei einem Konzert der US-Musiklegende Tina Turner 1987 erstmals ausverkauft ist. 2014 und 2018 entstehen die zwei ikonischen Hallen 3A und 3C, die durch das Londoner Büro der international renommierten Architektin Zaha Hadid realisiert werden und neue Maßstäbe in Sachen Energieeffizienz setzen. Heute verfügt das Nürnberger Messezentrum über eine Ausstellungsfläche von rund 180.000 Quadratmetern. Die Corona-Pandemie ist eine radikale Zäsur. Der geschäftliche und finanzielle Einbruch ist massiv. Mit Sparmaßnahmen, Kurzarbeit, staatlicher Unterstützung und der Nutzung der Messehallen als Impfzentrum hält sich die NürnbergMesse über Wasser.
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Erholung von radikaler Zäsur
Daneben wird eine Digitalstrategie erarbeitet, digitale Plattformen werden zur wichtigen Ergänzung der persönlichen Begegnung. Mittlerweile erreichen die Veranstaltungen wieder die Beteiligungszahlen von vor der Pandemie. Heute ist die NürnbergMesse eine der größten Messegesellschaften der Welt und beschäftigt über 1.000 Mitarbeitende. Das Portfolio umfasst rund 120 nationale und internationale Fachmessen und Kongresse in analoger, hybrider oder digitaler Form.
Dieser Text ist ein Exzerpt aus dem Buch „Messe. Stadt. Nürnberg. the spirit to grow”. Autoren: Sebastian Büttner und Beatrice Vogel